Mittwoch, 11. Januar 2017

Was ist eigentlich der 'Holy Cube'?

Motto der Jugendmesse:
"Rock the Holy Cube"
Die von Architekt Johann Georg Gsteu entworfene Pfarrkirche Oberbaumgarten feierte vorletztes Jahr ihren 50. Geburtstag und ist ein ganz besonderes Bauwerk. Vor allem wegen der einzigartigen Geometrie. Warum unsere Kirche von der Jugend auch "The Holy Cube" genannt wird, wollen wir in diesem Beitrag beantworten.

Am Anfang war das Zweite Vatikanische Konzil

Der Kirchenbau nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) war dem Ziel geschuldet, die Christengemeinde aktiv in die liturgische Feier einzubinden. Die Besucher sind nicht Publikum, sondern Mitgestalter. Die Prämisse "Mittendrin, statt nur dabei" lässt den Altar auf den Bauplänen der Architekten ins Zentrum der versammelten Gemeinde wandern. Der sakrale Raum als solcher soll nur mehr zweckerfüllend wirken.

Das bedeutet einerseits ein Abgehen vom klassischen Bautyp der Basilika und eine eher asketische, schmucklose Ausgestaltung, die mit der "Konzentration auf das Wesentliche" begründet wird. Auf der anderen Seite aber darf der Zweck ein kühnes Experimentieren mit neuen Materialien und Techniken, allen voran der Stahlbetonkonstruktion, fordern.

Dr. Julia Ricker von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz bemerkt dazu: "Schlichte Räume, die - beinahe bilderlos - durch eine ausgeklügelte Gestalt und den nuancierten Einsatz von Materialien überzeugen, sind typisch für den Kirchenbau der 1960er-Jahre. Karg und minimalistisch im Charakter, sind sie doch von einer erhabenen Atmosphäre erfüllt." [1]

Pfarrkirche kurz nach Fertigstellung (1965).

Als Vertreterin ihrer Zeit ist die Pfarrkirche Oberbaumgarten (1960-65) ein Zentralbau mit einem quadratischen Grundriss von 22 Metern Kantenlänge. Der Innenraum selbst wird durch vier freistehende, massiv auskragende Eckschalen aus Stahlbeton gebildet, deren Abstände zueinander mit Lichtbändern aus Glas verbunden sind (siehe Foto unten). Der kreuzförmige und auch großzügige Einfall von Tageslicht erhellt das Innere der Kirche und setzt den zentral platzierten Altar nicht nur geometrisch in den Mittelpunkt.

Eckschale der Nordwest-Ecke. Man beachte die Ausleuchtung.
(Foto: W. Ehrendorfer)

Geometrische Überlegungen

Grundriss des Areals.
Quelle: Stadt Wien - ViennaGIS
Die Höhe der Kirche beträgt mit elf Metern die Hälfte der Seitenlänge. Die Form bildet somit einen halbhohen Würfel, den "Holy Cube".

Überhaupt war die Einhaltung geometrischer Proportionalität für den Gesamtentwurf, von der ornamentalischen Gestaltung im Kleinen bis hin zur Dimensionierung des Gemeindezentrums im Großen ausschlaggebend:

Die beim Betonguß verwendeten Schalungsbretter hatten beispielsweise eine Breite von 7,5 Zentimetern und gaben den Innenwänden ein charakteristisches Streifenmuster, dessen Breitenverhältnis sich im quadratischen Raster des Holzbodens fortsetzt. Wie weiters in der Abbildung des Grundrisses ersichtlich ist, bilden die Nebengebäude jeweils einen vierten Teil der Pfarrkirche selbst. Die Anordnung zueinander proportionaler Quadrate unterstreicht die "Würfeldominanz" des Hauptgebäudes daher noch zusätzlich.

Weiterführender Link: Architektur der Pfarrkirche

Mittendrin: Interaktive Kugelpanoramen

Zur interaktiven Ansicht können wir auf unserer Website gleich vier Kugelpanoramen anbieten. Interesse an dieser technischen Spezialität? Dann besuchen Sie unsere Präsentation.

Einzelnachweis:

  1. Ricker, Julia: "Liturgie formt Räume". In: Magazin "Monumente", Ausg. 12/2014. http://www.monumente-online.de/de/ausgaben/2014/6/liturgie-formt-raeume.php (abgerufen am 7. Dezember 2016)